Seide - ein streitbares Naturprodukt - Andrea Rechtsteiner
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Seide – ein streitbares Naturprodukt

Seide

Seide – ein streitbares Naturprodukt

Seide – ein nicht unumstrittenes Naturprodukt

Seide gilt von alters her als hochwertiger, edler Stoff und wird heute noch in vielen textilen Anwendungen verarbeitet. Lange war Seide ein Luxusgut, das sich nur die Reichen leisten konnten. Inzwischen ist Seide weit verbreitet.

Bedeutung

Seide begegnet uns fast überall: in Steppjacken, Bettdecken, Fallschirmen, Schirmen, Hüten, Zahnseide, Kravatten, Unterwäsche, selbst in Persönlicher Schutzausrüstung (PSA). Egal, was aus der starken feinen Naturfaser Seide hergestellt wird – am Anfang steht ein kleines Insekt, der Seidenspinner. Aus ihm entsteht der dünne (Seiden-) Faden, aus dem letztlich ein weiches, glänzendes Gewebe hergestellt wird, das gemeinhin als Seide – auch heute noch – hoch geschätzt wird.

Seide ist ein tierischer Faserstoff, der aus den Kokons der Seidenraupe gewonnen wird. Sie wird aus den Kokons der Seidenraupe. Seide ist die einzige in der Natur vorkommende textile Endlosfaser und besteht hauptsächlich aus Protein. Sie kommt ursprünglich aus China und war eine wichtige Handelsware, die über die über die Seidenstraße nach Europa transportiert wurde. Neben China, wo heute noch der Hauptanteil produziert wird, sind Japan und Indien weitere wichtige Erzeugerländer, in denen der Seidenbau betrieben wird.

Vom 17. bis 19. Jahrhundert hatte neben Zürich und Lyon auch Krefeld eine bedeutende Seidenindustrie, zu deren berühmtesten Kunden der französische Kaiser Napoleon und der preußische König Friedrich II gehörten. Am Rande: Im Jahr 1828 kam es wegen wachsender Unzufriedenheit der deutschen Weber mit den Arbeitsbedingungen in Krefeld zu massiven Aufständen der Seidenweber.

Reine Seide war ein teurer und nur in höheren Ständen ein gebräuchlicher Kleidungsstoff. Halbseiden sind feine Stoffe, die jedoch nur zu 50 % aus Seide (im Schuss), den anderen 50 % jedoch aus Kammgarn oder Baumwolle (in der Kette) bestehen. Im 19. Jahrhundert bezeichnete man daher auch Personen, die zum feinen Kreis gehören wollten, sich aber nur halbseidene Stoffe leisten konnten als halbseiden.

Entstehung und Gewinnung

Da die meisten Seidenraupen sich von den Blättern des Maulbeerbaumes ernähren, spricht man von Maulbeerseide. Es gibt weitere Seidenraupen, wie z. B. den Japanischen Eichenseidenspinner, der sich von Eichenblättern ernährt. Um Qualitätsseide zu erhalten, müssen Seidenraupen unter besonderen Bedingungen aufgezogen werden. Die Raupen verpuppen sich, wobei sie die Seide in speziellen Drüsen im Maul produzieren und in großen Schlaufen in bis zu 300.000 Windungen um sich herum legen. Sie werden mithilfe von Heißwasser oder Wasserdampf vor dem Schlüpfen getötet, um zu verhindern, dass die Kokons zerbissen werden. Jeder Kokon enthält ein ununterbrochenes, sehr langes und feines Filament. Drei bis acht Kokons bzw. Filamente werden zusammen abgewickelt oder gehaspelt, kleben aufgrund des Seidenleims zusammen und bilden einen Seidenfaden. Mehrere gehaspelte Seidenfäden werden miteinander verzwirnt. Dieses Zwirn lässt sich zu glatten Textiloberflächen verarbeiten. Um 250 g Seidenfaden zu erhalten, werden um die 3000 Kokons benötigt, das entspricht etwa 1 kg.

Seidengewinnung

Seidengewinnung

Durch unterschiedliche Webverfahren oder Behandlungen entstehen verschiedene Seidenqualitäten. Typische Gewebearten bei Weiterverarbeitung der Seide sind u. a. Ballon- und Fallschirmseide, Brokat, Chiffon, Plissee, Satin oder Damast.

Eigenschaften und Qualitäten

Seide zeichnet sich durch ihren Glanz und hohe Festigkeit aus und wirkt isolierend gegen Kälte und Wärme. Sie kann bis zu einem Drittel ihres Gewichtes an Wasser einlagern. Seide neigt wenig zum Knittern. Auf Seidenstoffen werden besonders brillante Farben erzielt. Empfindlich ist Seide gegenüber hohen Temperaturen, Abrieb und Wasserflecken. Die Qualität der Seide hängt unter anderem von ihrem Gewicht und ihrer Feinheit ab. Eine Momme (japanische Gewichtseinheit) beträgt ca. 4,306 g pro m2. Die Seide wird häufig mit der Bezeichnung Pongé angeboten. Eine Momme entspricht eine Pongé, die Feinheit der Seide wird in „Denier“ (den) oder „Tex“ (dtex) angegeben.

Kritik

Als Schmetterling würde der Seidenspinner in Freiheit eine Verwandlung vom Ei, über Raupe, zur Puppe und zum geschlüpften Nachtfalter durchlaufen. In der Seidenindustrie werden fast alle Seidenspinner jedoch bereits während der Puppenphase getötet, da nur ein paar Insekten für die spätere Eiablage und Nachzucht gebraucht werden. Da der Seidenspinner über die Jahrhunderte hinweg für die Seidenproduktion domestiziert wurde, kann er heute nicht mehr fliegen und ist anfällig für Krankheiten durch Pilze und Bakterien.

Seidenraupe

Seidenraupe

Der Maulbeerspinner ist die weltweit am häufigsten gezüchtete Art des Seidenspinners. Seine Raupen ernähren sich ungefähr vier Wochen lang von den Blättern des Maulbeerbaumes, bis sie sich mit einem bis zu 900 Meter langen Faden kunstvoll einspinnen. Nach 18 Tagen würde aus der Puppe der weiße Schmetterling schlüpfen. Doch die Züchter wollen nicht, dass der Faden des Kokons durchgebissen wird und werfen die Seidenkokons mitsamt den lebenden Puppen in kochendes Wasser oder töten sie mit heißem Wasserdampf bzw. grillen sie in der Mikrowelle. Im hilflosen Versuch, dem Tod zu entrinnen, winden sich die Tiere dabei sichtbar in ihrem Kokon. In den Fabriken wird der Seidenfaden aufgerollt und von Kleberesten beseitigt und gereinigt. 50.000 Seidenraupen werden für nur ein Seidenkleid lebendig gekocht. Bei einer weltweiten Seidenproduktion von 127.000 Tonnen im Jahr 2011 bedeutet dies den Tod von Billionen von Tieren. China ist mit über 80 Prozent das Hauptproduktionsland von Seide vor Indien und Thailand. Die Rohseide wird in Europa häufig nach Italien, Frankreich und Deutschland exportiert und dort gefärbt und zu Textilien weiterverarbeitet.

Andrea Rechtsteiner
a.rechtsteiner@andrea-rechtsteiner.de