Leder in Bekleidung oder Textil – Zukunft oder Vergangenheit? - Andrea Rechtsteiner
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Leder in Bekleidung oder Textil – Zukunft oder Vergangenheit?

mv-Wasserburg in Leder Hosen

Leder in Bekleidung oder Textil – Zukunft oder Vergangenheit?

Leder? Wer erinnert sich noch an die Zeiten, als Lederkravatten beim nächtlichen Besuch der Disko (heute: Club!) das Maß der Dinge waren?! Ohne kam man an keinem Türsteher vorbei, es sei denn, die weibliche Begleitung war eine derartige Granate, dass der Türsteher nachhaltig geblendet oder jedenfalls kurzfristig massiv abgelenkt war.

Turnschuhe oder Stoff-Sneaker zu Anzug oder Kostüm, lange Zeit undenkbar, sind heute gängiger Standard. Haben Bekleidung und Textilien aus Leder noch eine Zukunft oder sind sie – mehr oder weniger – ein Auslaufmodell?

Erstaunlich

Bei Leder werden feinsinnige Unterschiede gemacht. Autofahrer, die etwas auf sich halten, würden nie auf die Idee kommen, Stoffbezüge für die Autositze auszuwählen. Oder allein Kunststoff- oder Metallapplikationen für die sonstige Innenausstattung, etwa das Lenkrad. Das wäre nicht standesgemäß und würde nicht als wertig gelten. Anders bei der Bekleidung oder beim Schuhwerk. Ein Ledergürtel wird gerade noch so akzeptiert. Augenfällig ist es bei Schuhen. Wer mit klassischen Lederschuhen daherkommt gilt ja geradezu als antiquiert.

Leder

Leder ist eine durch Gerbung chemisch haltbar gemachte Tierhaut, deren natürliche Faserstruktur weitgehend erhalten ist. Es wird zwischen den Begriffen Leder und Pelz unterschieden. Leder wird meist aus der Lederhaut genannten Hautschicht gewonnen. Sie besteht aus der äußeren glatten Papillarschicht und der darunter liegenden Retikularschicht, die für die mechanische Festigkeit sorgt. Die Papillarschicht mit ihrer sehr feinen Faserstruktur ergibt am fertigen Leder die Narbenseite, kurz: Narben genannt. Die grobfasrige Retikularschicht wird als Aas- oder Fleischseite bezeichnet, aus der das Spaltleder gewonnen wird.

Die Körperhülle von größeren Tieren wie Rind, Ross, Büffel, Esel und die vom Schwein wird im rohen ungegerbten Zustand ebenso als Leder wie auch als Haut bezeichnet. Die Hülle von kleineren Tieren wie Kalb, Ziege, Schaf wird grundsätzlich Fell genannt. Sind nach der Gerbung die haarbildendeOberhaut oder Epidermisund Haare noch erhalten, spricht man von Pelz oder Pelzfellen. Nach dem Enthäuten liegen die Häute und Felle meist flach vor. Bei kleinen Tieren, vor allem bei Pelzfellen, wird die Haut häufig schlauchförmig abgezogen.

Lederarten

Nappaleder

Echtes Nappaleder, ist ein weiches, chromgegerbtes Glattleder vom Kalb oder vom Schaf mit vollen Narben. Es ist durchgefärbt und die Oberfläche ist zugerichtet, das bedeutet, dass die Poren durch viele hauchdünne Schichten verschlossen werden und dadurch unempfindlich gegen Schmutz und Nässe sind. Der Name Nappaleder wird heutzutage als Sammelbegriff für besonders geschmeidiges Glattleder aller Tierarten verwendet.

Leder vom Rind

Eine große Reihe verschiedener Lederarbeiten wird aus Leder vom Rind hergestellt. Nappaleder und Ecraséleder werden unter anderem aus dem Leder von Kälbern hergestellt. Andere Lederarten, wie Boxcalf, Goldchrom, Mastbox, Rindbox oder Vachetteleder werden nur aus Rindsleder hergestellt.

Ziegenleder

Das typische Narbenbild ist gekennzeichnet durch die halbmondförmige Anordnung der Deckhaarlöcher, die kettenförmig über die ganze Oberfläche verteilt sind. Wie beim Kalb werden auch aus dem Leder junger Ziegen Nappaleder und Ecraséleder (Kapziege) hergestellt. Hinzu kommen folgende Lederarten, die nur aus Ziegen- oder Zickleinleder produziert werden. Z.B. Chevreauist, Maroquin, Saffianleder

Schafsleder

Schafsleder, Lammleder und Lammfelle sind mit ca. 10% der Weltproduktion an zweiter Stelle nach dem Rindsleder. 90% der Schafe sind Wollschafe. Je feiner und dichter die Wolle ist, desto dünner und schlechter ist die Lederqualität. Schafsleder werden für Bucheinbände, Bekleidung, Handschuhe, Lederaccessoires und gelegentlich auch für Möbel verarbeitet.

Waschleder ist meist ein Lammleder, das sehr dünn ausgeschliffen wird. Es ist fast ohne Qualitätsverlust waschbar und behält auch bei immer wiederkehrendem Nasswerden und Auftrocknen seine Weichheit.

Schweinsleder

Das Leder vom Schwein hat nicht die Qualität wie von Schaf, Ziege oder Rind. Es wird oft für Straßenschuhe des niedrigen Preissegments verwendet. Allerdings ist Schweinsleder durchaus strapazierfähig und formbeständig, was es für die Verarbeitung in gebrauchsfestem Schuhwerk durchaus geeignet macht. Das Leder ist an seinem charakteristischen, durch die Papillen bedingten Narbenbild zu erkennen.

Krokodilleder

Zur Herstellung von echtem Krokodilleder wird vornehmlich die Haut junger, gezüchteter Krokodile verwendet. Ausgewachsene Exemplare haben zu große und kräftige Schuppen, die bei der Verarbeitung leicht brechen. Bei Imitaten wird das typische Narbenbild auf Glattleder geprägt.

Eidechsen- und/ oder Schlangenleder wird kaum noch verwendet.

Ausblick

Eine Umkehr der Entwicklung ist derzeit nicht absehbar. Im Bereich Bekleidung, insbesondere bei Oberbekleidung, ist Leder in der Verwendung nahezu komplett „out“. Im Bereich von Taschen und Ranzen gelten Kunststoffmaterialien mittlerweile als das Maß der Dinge. Nicht zuletzt wegen des Gewichts, der Strapazierfähigkeit, der Farb- und Formgebung, der Verarbeitbarkeit und der Kosten. Fragen tauchen bestenfalls im Zuge der Nachhaltigkeitsdiskussion und der Wiederververwendbarkeit bzw. Aufbereitung von Materialien auf.

Vor allem die Anhänger des klassischen Lederschuhs werden sich also dauerhaft an diverse Kunststoffvarianten gewöhnen müssen, auch wenn es dem Einen oder Anderen schwerfällt.

Andrea Rechtsteiner
a.rechtsteiner@andrea-rechtsteiner.de