Der grüne Knopf als Biosiegel - Andrea Rechtsteiner
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Der grüne Knopf als Biosiegel

Der grüne Knopf

Der grüne Knopf als Biosiegel

Das Bündnis für Textilwirtschaft soll ab 2019 eine neue, gesetzliche Qualität erhalten. Ab nächstem Jahr soll ein grüner Knopf Verbrauchern beim Einkauf von Textilien Orientierung als Biosiegel bieten. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung arbeite daran, „den grünen Knopf als Siegel für faire Kleidung nächstes Jahr gemeinsam mit der Textilwirtschaft umzusetzen“, sagte Minister Gerd Müller (CSU) Ende April der Frankfurter Rundschau.

Der grüne Knopf solle anspruchsvolle Standards im ökologischen und sozialen Bereich entlang der gesamten Lieferkette abdecken, heißt es aus dem Ministerium. Die Gespräche über die Ausgestaltung des Biosiegels würden jetzt im Textilbündnis geführt. Allerdings sollen die umzusetzenden Maßnahmen weiterhin auf freiwilliger, nicht verpflichtender, Basis erfolgen. Die Idee eines staatlichen Produktsiegels, das dem Verbraucher Orientierung bietet, ist schon vier Jahre alt. 2014 hatte Müller den grünen Knopf das erste Mal ins Spiel gebracht, war aber mit der Idee bislang an der Textilwirtschaft und auch Teilen der Gesellschaft gescheitert.

 

Wegweisendes „Biosiegel“ für Textilien

 

Nun also ein neuer Versuch. Während einige Umweltorganisationen, wie etwa Greenpeace, das Siegel begrüßen, sehen es andere eher skeptisch. Nach Greenpeace könne der grüne Knopf den Markt für sozial und ökologisch produzierte Kleidung entscheidend entwickeln, ähnlich wie das dem EU-Biosiegel für Lebensmittel gelungen sei. Im Lebensmittelbereich existieren das staatliche EU Biosiegel und Label, wie etwa Demeter, nebeneinander. Kunden, die mehr tun wollten, könnten im Textilbereich auch künftig zu Siegeln wie GOTS oder Fair Wear zurückgreifen., Der grüne Knopf würde dann schlicht signalisieren, dass das Textil in Ordnung ist.

 

Vage und realitätsfern

 

Andere Umweltorganisationen halten hingegen nicht viel vom grünen Knopf und wundern sich, wie der Minister zu 100 Prozent sicher sein könne, dass die Kleidung fair ist. Vor allem stelle sich die Frage, wie dies zu kontrollieren sein soll. Die meisten Unternehmen, die heute im Textilbündnis mitwirkten, würden nach wie vor nicht fair produzieren. Allein eine strengegesetzliche Regelung und die Verpflichtung der Unternehmen auf die Standards würde faire Kleidung möglich machen.  Dies sei mit freiwilligen Maßnahmen nicht zu gewährleisten.

Gegenwind erhält Müller erneut aus der Wirtschaft. Eine Sprecherin des Gesamtverbandes der deutschen Textil- und Modeindustrie kritisierte: „An unserer Haltung hat sich nichts geändert. Auch vier Jahre nach Ankündigung eines Textilsiegels sind die bisher bekannten Planungen des Ministers vage und absolut realitätsfern.“

 

Inkonsequent

 

Tatsächlich sind die Möglichkeiten der deutschen Bundesregierung auf die nationalen Gegebenheiten beschränkt. Sie besitzt naturgemäß keinen Durchgriff die Entscheidungen fremder Staaten. Deutschland kann also direkt keinen Einfluss auf die Produktionsbedingungen in den fraglichen Ländern nehmen. Im Rahmen bilateraler staatlicher Abkommen kann sie natürlich Versuchen, auf die Produktionsbedingungen Einfluss zu nehmen. Das ist nicht erkennbar. Vielmehr sollen die Textil- und Handelsunternehmen via Textilbündnis in die Pflicht genommen werden, um Druck auszuüben Da wird Einiges von den Unternehmen verlangt. Viele Textil- und Bekleidungsunternehmen unternehmen schon eine Menge und bauen im B2C-Geschäft unmittelbaren und mittelbaren Druck auf ihre Zulieferer auf. Wollte die Bundesregierung und deutsche Behörden dies maßgeblich unterstützen, würden sie die ihnen zur Verfügung stehenden Mechanismen anwenden und die Ausschreibungen als Module des Vergaberechts ernst nehmen. Zwar werden in Ausschreibungen gerne Nachhaltigkeit sowie Beschaffung aus sozial- und umweltverträglicher Produktion gefordert. Aber in der Praxis zählt doch regelmäßig der günstigste Preis. Damit werden die Bestrebungen der Unternehmen im B2B-Bereich nicht gerade gefördert, nein, sie werden sogar massiv unterlaufen. Wie sollen die Textil- und Bekleidungsunternehmen gegenüber staatlichen Stellen und bei den Zulieferern in den fraglichen Staaten sauber argumentieren, wenn bereits im eigenen Lande, die Kriterien nicht ernst genommen werden?! Könnten die Unternehmen messerscharf argumentieren und darstellen, dass bei fehlenden sozial- und umweltrechtlichen Voraussetzungen die Textilien in Deutschland schlicht nicht mehr verkäuflich sind, würde es ratz-fatz gehen, dass sich die Bedingungen verbessern. Die Marktmacht ist entscheidend. Solange aber Hintertürchen aufgehalten werden und keine klare Linie besteht, wird sich nichts ändern, wie viele Beispiele, von Dieselmotoren, über Finanzsektor,  bis hin zur Altersversorgung zeigen.

 

So könnte sich schnell erweisen, dass der grüne Knopf die Flucht auf einen Nebenkriegsschauplatz ist und bei – unterstellt – theoretisch besten Absichten, praktisch wieder einmal nichts erreicht wird, lediglich die Politik zulasten der Wirtschaft, den Verbrauchern und der guten Sache den Kopf aus der Schlinge zu ziehen versucht. Dann wäre wieder einmal eine gute und aussichtsreiche Chance vertan.

 

Andrea Rechtsteiner
a.rechtsteiner@andrea-rechtsteiner.de